precious red rose
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  precious red rose - Die Absicht

 

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Der R?ckzug

Entt?uscht stehe ich hier. Meine Seele ist fl?ssig. Tropf, tropf. Fallen die Tr?nen. Tropf. Meine Seele n?hrt sich von meinen Tr?nen.

Ich ?ffne den Schrank. Der Schrank h?ngt an der Wand. Als wir noch kleine Kinder waren, kamen wir nicht an den Schrank dran. Nur mit einem Stuhl. Aber ich kann mich nicht erinnern, je mithilfe eines Stuhls an diesen Schrank gegangen zu sein. Ich war an allen Schr?nken und Regalen, aber sicher nicht an diesem.
Jetzt, wo ich gr??er bin, kann ich einfach an den Knauf fassen und den Schrank ?ffnen. Da ich aber nicht so ganz gro? bin, muss ich mich ein bisschen recken um hineinsehen zu k?nnen, in das untere Fach. In diesem Schrank sind Erinnerungen.
Kaputte Silberkettchen. Zum Beispiel. Der Sternzeichen-L?wen-Anh?nger meines ?lteren Bruders. Der des Sch?tzen meines j?ngeren Bruders. Wir haben alle sehr starke Sternzeichen, glaube ich. Und der ?lteste von uns, der ist Waage. Unser Gleichgewicht. Die Gerechtigkeit. Ich hatte keine Kette in Form meines Sternzeichens. Keine silberne. Meine war golden und daran war ein Stein befestigt. Ein oranger Stein, der vermutlich irgendwas mit Feuer und Planeten zu tun hat, ich wei? es nicht. Ich bin auch L?we. Ich bin auch stark. Mein Herz k?mpft.
Das erste, was ich aus dem Schrank herausnehme, ist eine kleine Box. Mit Holl?ndern drauf. Fr?her waren wir oft in Holland. Ich stelle sie vor mich auf den Wohnzimmertisch und ?ffne sie. Sand. Und Muscheln. Aber sicherlich nicht aus Holland. Ich rieche das Meer. Und erinnere mich. Wir hatten diese Muscheln gesammelt. Und den Sand mitgenommen. Damit wir immer an das Meer denken k?nnen. Aber bitte, wer vergisst schon das Meer? Wir hatten den Geruch mitgenommen. Ich starre die Sandk?rner an, blinzele. Mache den Deckel zu. Fast sah ich mich lachen, klein und dumm und in dem Glauben, dass so alles gut war, wie es war. Ich hatte gern, sehr gern diese Muscheln gesammelt.
Man sollte Erinnerungen vielleicht besser ruhen lassen. Aber dazu bin ich nicht in der Lage. Vor allem jetzt nicht. Wo Erinnerungen das Sch?nste und zugleich das Grausamste sind, was ich habe. Ich grinse. Und fahre mir mit der Zunge ?ber die Lippen. Schiebe die Box an die Tischkante. Und greife wieder in den Schrank. Schmuck. Ohrringe aus echtem Silber und viel Gold? mit Steinen? sicherlich Geschenke meines Vaters an meine Mutter. Mein Vater. Und meine Mutter. Mama, Papa. Vater, Mutter. Sie hatte sie sicherlich niemals getragen. Sie waren ja auch noch verpackt. Einfach in diesen Schrank getan, damit man sie vergessen konnte und nicht tragen musste, weil Papa und Mama, Vater und Mutter, ja auch verschiedene Geschm?cker hatten. (Sicherlich k?nnte ich mir von dem Geld, das diese dummen Erinnerungen bringen w?rden, eine neue Hose kaufen. Ich will gerne eine neue Hose haben und gehe auch mit meiner Mutter eine kaufen. Aber warum nicht von dem Geld diese sinnlosen Geschenke, die niemand haben m?chte, weil sie niemands Geschmack sind?) Solche Ohrringe sind allerdings jetzt gerade auch modern. Eine meiner Freundinnen hat sie in rosa. Zwei andere in verschiedenen Blaut?nen. Aber ich mag diese Ohrringe nicht. (Lieber sollte man sie wieder verkaufen.) Ich bin ver?rgert. ?ber die dicken Silberketten, die noch in ihren Schachteln hinten in der Ecke des Schrankes liegen. Und die niemand tr?gt. Ich Reihe die kleinen Schmuckk?stchen auf dem Tisch aneinander.
Da steht auch eine Schale im Schrank. Und da sind viele kleine Sachen drin. Unter anderem ein zerbrochener Krug. Ein sehr kleiner. Der f?r mein Puppenhaus gedacht gewesen war. Auch aus Holland, Ameland. Unsere Gerechtigkeit hatte ihn mir mitgebracht. In meinem Puppenhaus hatte unsere gesamte Familie gelebt. Und in der Familie war alles sch?n und gut und richtig gewesen. Der Krug war sicherlich von einem meiner Br?der kaputt gemacht worden. Von dem L?wen oder dem Sch?tzen. Aber sicherlich nicht von mir. Ich hatte meine Sachen nie kaputt gemacht. Und ein Schl?ssel war auch da. Aber ich wusste nicht, wozu der Schl?ssel war. Wem er geh?rte. Und zu welchem Schloss. Ich k?nnte ihn ?Schl?ssel meiner Seele? nennen und ihn mir einfach um den Hals binden. Die Leute w?rden das verstehen. Ich tue so seltsame Sachen manchmal, aber es ist nicht schlimm, sie sind es ja gew?hnt. Schl?ssel meiner Seele. Und der zerbrochene Krug zu dem kleinen Haus mit den Holzpuppen, bei denen alles in Ordnung und sch?n und gut war und die meine Familie darstellen sollten. Niemand kann meine Familie so schlecht darstellen, wie ein Haufen Holzk?pfe, bei denen alles in Ordnung ist. Denn: In meiner Familie gibt es ganz sicherlich keinen einzigen Holzkopf. Und: Es ist ganz und gar nicht alles in Ordnung.
Ich stelle also die Sch?ssel auch auf den Wohnzimmertisch. Immer tue ich so seltsame Dinge mitten in der Nacht. Es ist viertel vor drei morgens. Warum also schlafe ich nicht? Ich f?hle mich unzufrieden. Rastlos. Und darum w?hle ich etwas in der Vergangenheit. Und sehe mir die Dinge in diesem Haus an, in dem ich schon einen Gro?teil meines Lebens verbracht habe, die ich nie vorher gesehen habe, weil sie niemals aus ihren Verpackungen herausgekommen sind. Super.
Eben habe ich in der K?che gekniet. Vor meiner Katze. Ich habe ihren dick befellten Kopf zwischen meine H?nde genommen und ihr in die gelborangen Augen gesehen. Sie sah mich auch an. W?re sie ein Mensch, sie w?rde mich lieben, das wei? ich. Sie w?rde mich so sehr lieben wie ich sie. Meiner Katze geht es nicht so gut in letzter Zeit. Sie dreht sich vollkommen sinnlos im Kreis und springt gegen die Fenster. Dabei lasse ich sie immer vor die T?r, wenn sie m?chte. Sie springt auch nur gegen die Fenster, hinter denen es sehr tief runter geht. Ich glaube, sie m?chte sich umbringen. Vielleicht gibt es ja so was. Ein Lemming-Syndrom vielleicht. Dann fra? sie vorhin auch irgendwas, das auf dem Boden meines Zimmers lag. Ich wei? immer noch nicht, was es war. Aber ich habe doch keine Lebensmittel auf dem Boden meines Zimmers liegen. Sie wollte sich sicherlich damit umbringen. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Und jetzt habe ich ihr auch noch gesagt, dass sie nur adoptiert ist. Da sa? noch die Waage, die Gerechtigkeit, im Wohnzimmer. Und lachte. Und sagte: ?Wie gehst du denn ab?? Und ich streichelte meine Katze und sie trottete durch den Raum, die Nase am Boden, und wollte einen Staubflusen aufessen, den sie fand. Aber ich nahm ihn ihr weg und warf ihn in den M?ll. ?Du sollte keine Sachen vom Boden essen?, sagte ich. Und die Waage lachte. ?Du bist ja echt wie ne Mutter!? Ich nahm meine Katze auf den Arm, ?Ich h?tte dir das ja fr?her gesagt?, brummte ich und knuddelte sie. (Man kann sie gut knuddeln. Sie ist irgendwie in den letzten Monaten sehr dick geworden.) ?Aber ich liebe dich trotzdem wie meine eigenen Kinder auch.? Seltsamerweise ist meine Katze sehr anschmiegsam und auf mich fixiert. Und auch ich h?nge sehr an ihr. Ich gehe ?berall hin, meinetwegen, rei?t mich doch aus dem Leben hier raus. Aber nur, wenn ich meine Katze mitnehmen darf. In ihr steckt all die Liebe, die ansonsten verloren gegangen w?re.
Aber zur?ck zu dem Schrank. Jetzt kommen wir zu den seltsamen Dingern, die wie Seelen lachen. Zwei ganz kleine Leders?ckchen. Ich nehme sie in die Hand und sie klingen. Ich setze mich. Schn?re eines der S?ckchen auf. Darin ist eine kleine Murmel. Wenn man sie sacht anst??t und sie rollen l?sst, dann klingt sie leise. Ich denke einfach, dass es das Ger?usch ist, das am ehesten dem einer lachenden Seele gleichen mag. Man darf sie nicht zu doll sch?tteln, dann h?ren sie sich nicht mehr sch?n an. Nur ganz langsam rollen lassen. Und ganz still sein. Sehr still. Dann lacht die kleine Seele. Ich st?tze den Kopf in die H?nde und betrachte die kleine lachende Seele, wie sie so ?ber die schwarz-wei? gestreifte Tischdecke kullert. Ich h?tte gern zwei diese rollenden, lachenden Seelchen. Das eine w?rde ich behalten. Und das andere demjenigen schenken, von dem ich denke, dass er mir im Leben am meisten bedeutet. Ich kenne denjenigen sicher noch nicht. Ich m?sste es jemandem schenken, der genau wie ich darin eine lachende kleine Seele sieht. Aber ich denke nicht, dass es so jemanden gibt. Jemals geben wird. Es w?rde mir vermutlich genau so gehen wie dem Typen in ?Der kleine Prinz? mit seiner Riesenschlange, die einen Elefanten verschluckt hat. Ich fessle die Seele wieder, schn?re das Leders?ckchen zu. Kleine Seele. Ich lasse sie leicht klingen und drehe mich dann wieder zu dem Schrank um. Noch so viele kleine Kistchen. So viele kleine Dinge, die sich so lange niemand angesehen hat. In mir steigen Tr?nen hoch. Ich erhebe mich noch mal, gehe zu dem Schrank und sp?he hinein. Hinten liegt eine kleine Dose. ?Erste Locke? steht darauf. Sie ist umgekippt. Und da ist keine erste Locke drin, sondern ganz viele kleine wei?e Z?hnchen liegen verstreut auf dem Schrankboden. Das gesamte Milchzahngebiss meines Bruders. Der Waage. Milchz?hne. Meine auch. Und die der anderen. Unsere Vergangenheit steckt in diesem Schrank. Und ich will gar nicht wissen, was da noch so drin ist. Ich will gar nicht erst die Kisten auf dem Speicher ?ffnen. Oder mir die Kinderbilder noch mal ansehen. Ich mag unsere Kinderbilder sehr gerne. Wir haben massenweise Dias von uns. Wir k?nnten uns stundenlang selbst ansehen. Wir waren auch wirklich s??e Kinder. Aber ich will nicht mehr. Unsere lachenden Seelen sind in kleinen Lederbeutelchen verstaut. Das L?cheln mit unseren unschuldigen Milchzahngebissen gibt es auch nicht mehr. Die sind in komischen kleinen D?schen, in die eigentlich unsere ersten Locken hinein m?ssten. Jetzt haben wir alle schon die ersten grauen Haare, obwohl erst einer von uns ?ber das Alter von zwanzig hinaus ist. Auf meiner Stirn und um meinen Mund bilden sich schon Falten. D?nne Linien. Wenn ich sie auf Zeichnungen zu sehr betone, sehe ich aus wie eine Oma. Wie Chucky, die M?rderpuppe.
Entschuldigung, aber ich trete den R?ckzug an! Ich habe ausgek?mpft! Ich habe bewiesen, dass ich stark bin! Entschuldigung, aber ich muss jetzt gehen. Hastig verstaue ich alles wieder in dem Schrank und schlie?e die T?r. Dieser Ort ist verflucht. Dieser Ort macht uns alle krank. Es ist mitten in der Nacht. In diesem Schrank da sind unsere lachenden Kinderseelen und unser kindliches Lachen verstaut. Unsere Sehnsucht nach der Weite des Meeres und die Last der Geschenke, f?r die man sich nie revanchierte? mir wird schlecht. ?ENTSCHULDIGUNG!?, schreie ich in das schlafende Haus. ?ENTSCHULDIGUNG, ABER ICH TRETE DEN R?CKZUG AN! DIE SCHLACHT IST AUSGEK?MPFT!?
Es h?rt mich niemand. Da sitzen nur meine drei Katzen. Meine W?chter des Reiches der Toten. Und sehen mich mit ihren gelben Augen an. Fragend. Drei ist eine magische Zahl.
Ich sinke in die Knie und vergrabe mein Gesicht in den H?nden. Weine. Ich will nicht so schwach sein. Ich habe doch das Herz einer K?mpferin. Ich will nicht so schwach sein. Ich wurde doch geboren, um eben genau das nicht zu sein. Ich wische mir mit dem Handr?cken ?ber das Gesicht. Dann stehe ich auf. Gehe zur Haust?r und ?ffne sie. Laufe barfu? raus in den Schnee. Lege den Kopf in den Nacken. Meine H?nde zu F?usten geballt. Hinter mir kommt meine kleine Armee des Schreckens, die mich niemals allein l?sst. Diese gelben Augen mustern mich, als ich anfange, zu heulen. Mitten in der Nacht den Mond anheule. Manchmal tue ich seltsame Dinge. Aber die Leute sind das ja von mir gew?hnt.


thoughts: B?r?nice

30.12.05 20:30
 


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