precious red rose
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Bérénice
Der Rückzug
Enttäuscht stehe ich hier. Meine Seele ist flüssig. Tropf, tropf. Fallen die Tränen. Tropf. Meine Seele nährt sich von meinen Tränen.
Ich öffne den Schrank. Der Schrank hängt an der Wand. Als wir noch kleine Kinder waren, kamen wir nicht an den Schrank dran. Nur mit einem Stuhl. Aber ich kann mich nicht erinnern, je mithilfe eines Stuhls an diesen Schrank gegangen zu sein. Ich war an allen Schränken und Regalen, aber sicher nicht an diesem.
Jetzt, wo ich größer bin, kann ich einfach an den Knauf fassen und den Schrank öffnen. Da ich aber nicht so ganz groß bin, muss ich mich ein bisschen recken um hineinsehen zu können, in das untere Fach. In diesem Schrank sind Erinnerungen.
Kaputte Silberkettchen. Zum Beispiel. Der Sternzeichen-Löwen-Anhänger meines älteren Bruders. Der des Schützen meines jüngeren Bruders. Wir haben alle sehr starke Sternzeichen, glaube ich. Und der älteste von uns, der ist Waage. Unser Gleichgewicht. Die Gerechtigkeit. Ich hatte keine Kette in Form meines Sternzeichens. Keine silberne. Meine war golden und daran war ein Stein befestigt. Ein oranger Stein, der vermutlich irgendwas mit Feuer und Planeten zu tun hat, ich weiß es nicht. Ich bin auch Löwe. Ich bin auch stark. Mein Herz kämpft.
Das erste, was ich aus dem Schrank herausnehme, ist eine kleine Box. Mit Holländern drauf. Früher waren wir oft in Holland. Ich stelle sie vor mich auf den Wohnzimmertisch und öffne sie. Sand. Und Muscheln. Aber sicherlich nicht aus Holland. Ich rieche das Meer. Und erinnere mich. Wir hatten diese Muscheln gesammelt. Und den Sand mitgenommen. Damit wir immer an das Meer denken können. Aber bitte, wer vergisst schon das Meer? Wir hatten den Geruch mitgenommen. Ich starre die Sandkörner an, blinzele. Mache den Deckel zu. Fast sah ich mich lachen, klein und dumm und in dem Glauben, dass so alles gut war, wie es war. Ich hatte gern, sehr gern diese Muscheln gesammelt.
Man sollte Erinnerungen vielleicht besser ruhen lassen. Aber dazu bin ich nicht in der Lage. Vor allem jetzt nicht. Wo Erinnerungen das Schönste und zugleich das Grausamste sind, was ich habe. Ich grinse. Und fahre mir mit der Zunge über die Lippen. Schiebe die Box an die Tischkante. Und greife wieder in den Schrank. Schmuck. Ohrringe aus echtem Silber und viel Gold… mit Steinen… sicherlich Geschenke meines Vaters an meine Mutter. Mein Vater. Und meine Mutter. Mama, Papa. Vater, Mutter. Sie hatte sie sicherlich niemals getragen. Sie waren ja auch noch verpackt. Einfach in diesen Schrank getan, damit man sie vergessen konnte und nicht tragen musste, weil Papa und Mama, Vater und Mutter, ja auch verschiedene Geschmäcker hatten. (Sicherlich könnte ich mir von dem Geld, das diese dummen Erinnerungen bringen würden, eine neue Hose kaufen. Ich will gerne eine neue Hose haben und gehe auch mit meiner Mutter eine kaufen. Aber warum nicht von dem Geld diese sinnlosen Geschenke, die niemand haben möchte, weil sie niemands Geschmack sind?) Solche Ohrringe sind allerdings jetzt gerade auch modern. Eine meiner Freundinnen hat sie in rosa. Zwei andere in verschiedenen Blautönen. Aber ich mag diese Ohrringe nicht. (Lieber sollte man sie wieder verkaufen.) Ich bin verärgert. Über die dicken Silberketten, die noch in ihren Schachteln hinten in der Ecke des Schrankes liegen. Und die niemand trägt. Ich Reihe die kleinen Schmuckkästchen auf dem Tisch aneinander.
Da steht auch eine Schale im Schrank. Und da sind viele kleine Sachen drin. Unter anderem ein zerbrochener Krug. Ein sehr kleiner. Der für mein Puppenhaus gedacht gewesen war. Auch aus Holland, Ameland. Unsere Gerechtigkeit hatte ihn mir mitgebracht. In meinem Puppenhaus hatte unsere gesamte Familie gelebt. Und in der Familie war alles schön und gut und richtig gewesen. Der Krug war sicherlich von einem meiner Brüder kaputt gemacht worden. Von dem Löwen oder dem Schützen. Aber sicherlich nicht von mir. Ich hatte meine Sachen nie kaputt gemacht. Und ein Schlüssel war auch da. Aber ich wusste nicht, wozu der Schlüssel war. Wem er gehörte. Und zu welchem Schloss. Ich könnte ihn „Schlüssel meiner Seele“ nennen und ihn mir einfach um den Hals binden. Die Leute würden das verstehen. Ich tue so seltsame Sachen manchmal, aber es ist nicht schlimm, sie sind es ja gewöhnt. Schlüssel meiner Seele. Und der zerbrochene Krug zu dem kleinen Haus mit den Holzpuppen, bei denen alles in Ordnung und schön und gut war und die meine Familie darstellen sollten. Niemand kann meine Familie so schlecht darstellen, wie ein Haufen Holzköpfe, bei denen alles in Ordnung ist. Denn: In meiner Familie gibt es ganz sicherlich keinen einzigen Holzkopf. Und: Es ist ganz und gar nicht alles in Ordnung.
Ich stelle also die Schüssel auch auf den Wohnzimmertisch. Immer tue ich so seltsame Dinge mitten in der Nacht. Es ist viertel vor drei morgens. Warum also schlafe ich nicht? Ich fühle mich unzufrieden. Rastlos. Und darum wühle ich etwas in der Vergangenheit. Und sehe mir die Dinge in diesem Haus an, in dem ich schon einen Großteil meines Lebens verbracht habe, die ich nie vorher gesehen habe, weil sie niemals aus ihren Verpackungen herausgekommen sind. Super.
Eben habe ich in der Küche gekniet. Vor meiner Katze. Ich habe ihren dick befellten Kopf zwischen meine Hände genommen und ihr in die gelborangen Augen gesehen. Sie sah mich auch an. Wäre sie ein Mensch, sie würde mich lieben, das weiß ich. Sie würde mich so sehr lieben wie ich sie. Meiner Katze geht es nicht so gut in letzter Zeit. Sie dreht sich vollkommen sinnlos im Kreis und springt gegen die Fenster. Dabei lasse ich sie immer vor die Tür, wenn sie möchte. Sie springt auch nur gegen die Fenster, hinter denen es sehr tief runter geht. Ich glaube, sie möchte sich umbringen. Vielleicht gibt es ja so was. Ein Lemming-Syndrom vielleicht. Dann fraß sie vorhin auch irgendwas, das auf dem Boden meines Zimmers lag. Ich weiß immer noch nicht, was es war. Aber ich habe doch keine Lebensmittel auf dem Boden meines Zimmers liegen. Sie wollte sich sicherlich damit umbringen. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Und jetzt habe ich ihr auch noch gesagt, dass sie nur adoptiert ist. Da saß noch die Waage, die Gerechtigkeit, im Wohnzimmer. Und lachte. Und sagte: „Wie gehst du denn ab?“ Und ich streichelte meine Katze und sie trottete durch den Raum, die Nase am Boden, und wollte einen Staubflusen aufessen, den sie fand. Aber ich nahm ihn ihr weg und warf ihn in den Müll. „Du sollte keine Sachen vom Boden essen“, sagte ich. Und die Waage lachte. „Du bist ja echt wie ne Mutter!“ Ich nahm meine Katze auf den Arm, „Ich hätte dir das ja früher gesagt“, brummte ich und knuddelte sie. (Man kann sie gut knuddeln. Sie ist irgendwie in den letzten Monaten sehr dick geworden.) „Aber ich liebe dich trotzdem wie meine eigenen Kinder auch.“ Seltsamerweise ist meine Katze sehr anschmiegsam und auf mich fixiert. Und auch ich hänge sehr an ihr. Ich gehe überall hin, meinetwegen, reißt mich doch aus dem Leben hier raus. Aber nur, wenn ich meine Katze mitnehmen darf. In ihr steckt all die Liebe, die ansonsten verloren gegangen wäre.
Aber zurück zu dem Schrank. Jetzt kommen wir zu den seltsamen Dingern, die wie Seelen lachen. Zwei ganz kleine Ledersäckchen. Ich nehme sie in die Hand und sie klingen. Ich setze mich. Schnüre eines der Säckchen auf. Darin ist eine kleine Murmel. Wenn man sie sacht anstößt und sie rollen lässt, dann klingt sie leise. Ich denke einfach, dass es das Geräusch ist, das am ehesten dem einer lachenden Seele gleichen mag. Man darf sie nicht zu doll schütteln, dann hören sie sich nicht mehr schön an. Nur ganz langsam rollen lassen. Und ganz still sein. Sehr still. Dann lacht die kleine Seele. Ich stütze den Kopf in die Hände und betrachte die kleine lachende Seele, wie sie so über die schwarz-weiß gestreifte Tischdecke kullert. Ich hätte gern zwei diese rollenden, lachenden Seelchen. Das eine würde ich behalten. Und das andere demjenigen schenken, von dem ich denke, dass er mir im Leben am meisten bedeutet. Ich kenne denjenigen sicher noch nicht. Ich müsste es jemandem schenken, der genau wie ich darin eine lachende kleine Seele sieht. Aber ich denke nicht, dass es so jemanden gibt. Jemals geben wird. Es würde mir vermutlich genau so gehen wie dem Typen in „Der kleine Prinz“ mit seiner Riesenschlange, die einen Elefanten verschluckt hat. Ich fessle die Seele wieder, schnüre das Ledersäckchen zu. Kleine Seele. Ich lasse sie leicht klingen und drehe mich dann wieder zu dem Schrank um. Noch so viele kleine Kistchen. So viele kleine Dinge, die sich so lange niemand angesehen hat. In mir steigen Tränen hoch. Ich erhebe mich noch mal, gehe zu dem Schrank und spähe hinein. Hinten liegt eine kleine Dose. „Erste Locke“ steht darauf. Sie ist umgekippt. Und da ist keine erste Locke drin, sondern ganz viele kleine weiße Zähnchen liegen verstreut auf dem Schrankboden. Das gesamte Milchzahngebiss meines Bruders. Der Waage. Milchzähne. Meine auch. Und die der anderen. Unsere Vergangenheit steckt in diesem Schrank. Und ich will gar nicht wissen, was da noch so drin ist. Ich will gar nicht erst die Kisten auf dem Speicher öffnen. Oder mir die Kinderbilder noch mal ansehen. Ich mag unsere Kinderbilder sehr gerne. Wir haben massenweise Dias von uns. Wir könnten uns stundenlang selbst ansehen. Wir waren auch wirklich süße Kinder. Aber ich will nicht mehr. Unsere lachenden Seelen sind in kleinen Lederbeutelchen verstaut. Das Lächeln mit unseren unschuldigen Milchzahngebissen gibt es auch nicht mehr. Die sind in komischen kleinen Döschen, in die eigentlich unsere ersten Locken hinein müssten. Jetzt haben wir alle schon die ersten grauen Haare, obwohl erst einer von uns über das Alter von zwanzig hinaus ist. Auf meiner Stirn und um meinen Mund bilden sich schon Falten. Dünne Linien. Wenn ich sie auf Zeichnungen zu sehr betone, sehe ich aus wie eine Oma. Wie Chucky, die Mörderpuppe.
Entschuldigung, aber ich trete den Rückzug an! Ich habe ausgekämpft! Ich habe bewiesen, dass ich stark bin! Entschuldigung, aber ich muss jetzt gehen. Hastig verstaue ich alles wieder in dem Schrank und schließe die Tür. Dieser Ort ist verflucht. Dieser Ort macht uns alle krank. Es ist mitten in der Nacht. In diesem Schrank da sind unsere lachenden Kinderseelen und unser kindliches Lachen verstaut. Unsere Sehnsucht nach der Weite des Meeres und die Last der Geschenke, für die man sich nie revanchierte… mir wird schlecht. „ENTSCHULDIGUNG!“, schreie ich in das schlafende Haus. „ENTSCHULDIGUNG, ABER ICH TRETE DEN RÜCKZUG AN! DIE SCHLACHT IST AUSGEKÄMPFT!“
Es hört mich niemand. Da sitzen nur meine drei Katzen. Meine Wächter des Reiches der Toten. Und sehen mich mit ihren gelben Augen an. Fragend. Drei ist eine magische Zahl.
Ich sinke in die Knie und vergrabe mein Gesicht in den Händen. Weine. Ich will nicht so schwach sein. Ich habe doch das Herz einer Kämpferin. Ich will nicht so schwach sein. Ich wurde doch geboren, um eben genau das nicht zu sein. Ich wische mir mit dem Handrücken über das Gesicht. Dann stehe ich auf. Gehe zur Haustür und öffne sie. Laufe barfuß raus in den Schnee. Lege den Kopf in den Nacken. Meine Hände zu Fäusten geballt. Hinter mir kommt meine kleine Armee des Schreckens, die mich niemals allein lässt. Diese gelben Augen mustern mich, als ich anfange, zu heulen. Mitten in der Nacht den Mond anheule. Manchmal tue ich seltsame Dinge. Aber die Leute sind das ja von mir gewöhnt.
thoughts: Bérénice
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Warum hört ihr nicht zu ?
[der Text hat ne seltsame Wendung genommen, was vielleicht daran liegt, dass sich die Umstände hier verändert haben im Laufe des Schreibens. Und dass ich zwischendurch chatten musste und en E-Mail schreiben. Mit. / An. Wem. / Wen. Wohl.)
Für dich. Und doch eher für mich.
Soll mich das jetzt trösten?
Ich sehe dich gerne an. Und vielleicht stehe ich mit der Meinung darüber, dass du schön bist, alleine da. Aber ich glaube es dir nicht. Was soll ich denn tun. Ich weiß es besser als du. Ich weiß es besser und das liegt ausnahmsweise nicht daran, dass du zu doof bist, um das zu erkennen. Ich kann es doch nicht jedem Menschen einzeln sagen. Ich stehe da, mit diesem Ding brennend in mir und weiß nicht, wie ich es dir verständlich machen soll. Ich will dich brandmarken. Es dir ins Gesicht brennen, bis durch zu deinem Hirn. Ich will es dir aufs Herz drücken, dass es mit dem Blut durch deinen ganzen Körper gepumpt wird. Ich möchte doch einfach nur, dass du es begreifst.
Vielleicht hast du nie danach gefragt. Ich habe immer gefragt. Bin ich schön? Das war genau so ein Fehler.
Vielleicht hast du nie jemanden danach gefragt. Beantworte es dir nicht selbst so. Bitte.
Stell dich nicht vor den Spiegel, sieh dich an und sag so was.
Es verletzt dich doch, wenn jemand sagt, du seiest hässlich.
Es tut dir doch weh.
Also sag nicht selbst über dich, du seiest hässlich.
Du verletzt damit nicht nur dich selbst, sondern auch die, die dich lieben.
Du bist schön und wirst immer schön sein für sie.
Ich finde dich schön. Und das heißt nicht, dass ich mir anmaße, dich zu lieben. Bei mir ist das etwas anderes. Ich bin nicht mehr so ganz dicht, weißt du.
Aber ich hörte Leute voneinander reden. Sie redeten voneinander, wie von Göttern und Göttinnen der Schönheit. Und als ich sie sah, stutzte ich. Ich legte den Kopf schief und betrachtete sie sehr lange. Sie wussten ja nicht, dass ich sie beobachtete. Wussten nicht, dass ich sie mit diesen Gedanken im Hinterkopf beobachtete. Ich empfand sie nicht als schön. Fast schon grenzte es an das, was man Hässlichkeit nennen mag. Ich verbarg mich hinter einem Stein, während sie im klaren, kalten Wasser des kleinen Flusses badeten. Die Blicke, die sie sich zuwarfen. Sie liebten einander. Voller Zweifel verließ ich diesen Ort und ich kam mir vor wie irgendein Typ aus der Bibel. Ich aß nichts mehr und dachte nur noch nach. Ich heulte. Und begriff langsam. Ganz langsam. Wie soll ich dir und allen anderen das begreiflich machen? Ihr wollt ja nicht denken. Es ist eure eigene Schuld. Ich kann nicht jedes eurer Gesichter zwischen meine Hände nehmen, euch in die Augen sehen und sagen: „Du bist schön! Schön!“ Ich käme mir reichlich blöd vor. Wie diese Freaks, die überall „Jesus liebt dich“ hinkrickeln. Ich bin von etwas überzeugt. Aber bin ich stark genug, es zu vertreten? Reicht es denn, wenn ich es denen sage, die ich liebe? Ich bin ja nicht Jesus. Ich werde von keiner eingebildeten, höheren Macht geleitet, ich bin einfach nur ich selbst. Ich bin auch kein Prediger. Wenn man jemandem zu oft sagt, dass er schön ist, dann wirkt es irgendwann ausgelutscht. Wenn man es ihm niemals sagt, dann… ich kann es mir nicht vorstellen…
Was will ich von euch?
Will ich, dass ihr liebt?
Oder, dass ihr endlich kapiert, dass äußerliche Schönheit total relativ ist?
Ich sehe auch schöne Männer an. Sehe ihnen nach. Fühle mich in ihrer Gegenwart wohl.
Aber seht den Typen, dem ich aus unerfindlichen Gründen mein kleines Herz geschenkt habe. Ihr sagt, er sei hässlich. HÄSSLICH?? Wisst ihr, was ich sehe, wenn ich ihn sehe? Ich sehe sein Herz. Schlagen. Ich stelle mir vor, meine Hand durch seine Haut hindurch auf dieses nasse Herz zu legen. Ich glaube, es ist ein starkes Herz. Ein gutes Herz. Ich sehe ihn an und muss den Kopf schief legen. Ich muss lächeln. Mir wird warm, wenn ich ihn ansehe. Ich wärme mich an ihm. Aber wie kalt wird mir bei dem Gedanken, er könne mich nicht schön finden, weil er zu sehr aufs Äußere fixiert ist?
(Warum habe ich Zweifel, wenn sie mir doch sagen, ich sei schön? Ich will es selbst nicht glauben, weil ich nicht sicher bin, geliebt zu werden…)
Weil du zu sehr aufs Äußere fixiert bist?
Wie kalt wird mir, wenn sie mir sagen, du bist nicht schön?
Ich bin nicht sehr glücklich im Moment.
Und mir ist kalt.
(Nicht nur, weil ich keine Socken mehr habe. Irgendwie funktioniert unser Trockner nicht mehr und darum habe ich keine Socken mehr, ich weiß aber nicht warum. Alle anderen haben Socken. Ich nicht.)
Mir ist kalt deinetwegen. Und draußen liegt endlich Schnee. Aber ich habe noch keinen Fuß vor die Tür gesetzt, seit es gestern schneite. (Ohne Socken geht das auch schlecht.) Ich sitze nur hier und starre raus in diese zugeschneite kalte Welt. Ich denke an dich. Und das nimmt mir meine Wärme. Es sollte doch so nicht sein. Du solltest hier sein. Und mich in den Arm nehmen. So lange hat mich niemand mehr in den Arm genommen, so, dass ich mich sicher gefühlt hätte. Die Leute umarmen täglich, zur Begrüßung, zum Abschied. Und ich? Ich sitze hier mit der irren Hoffnung, die Menschheit würde ihre Oberflächlichkeit und Dummheit irgendwann abstreifen, ihre Blindheit. Ich sitze hier vollkommen alleine und frierend, ich habe nicht mal einen Pullover an, nur ein T-Shirt und eine Cordhose. Könnt ihr nicht eure dämliche Massenproduktion von Umarmungen endlich einstellen und sie eine Weile aufstauen, ballen, und mir etwas davon abgeben?
Ich bin ziemlich allein.
Ich friere. Ich muss ins Bett, es ist spät. Auf dem Weg ins Bett gehe ich an drei Spiegeln vorbei. Im Bad an zwei. Und durch mein Zimmer. Da hängt auch einer an der Wand. Und in jeden dieser Spiegel gucke ich. Und ich werde mich nicht schön finden. Denn ich sehe verdammt noch mal traurig aus. Leer.
Du bist nicht hier.
Du bist nicht hier.
Ich möchte meine Hand doch gern auf dein Herz legen. Und es schlagen hören. Es schlägt sicherlich langsamer als meines und gleichmäßiger. Meins stolpert immer mal wieder. Wenn ich dich ansehe, meine Hand auf deinem Herzen. Und es dir dann sage. Dann reicht es doch als Brandmarkung?
Oh mein Gott. Hiermit habe ich gesagt, dass ich dich liebe.
Aber das kann doch nicht sein.
Denn.
Du bist verdammt noch mal nicht hier.
Du bist nicht da.
Du bist weit weg.
Aber.
Du hast mir eine gute Nacht gewünscht.
Und darum werde ich die jetzt haben.
thoughts: Bérénice
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gestern Nacht
Ich gehe durch das ganze Haus und mache hinter mir alle Lichter aus. Ich lasse Finsternis zurück. Und vor mir ist mein Weg in Licht getaucht. Ich gehe die Steintreppe hoch. Das helle Licht im Flur aus. Die Holztreppe hoch. Die Dunkelheit unter den Stufen greift nach meinen Füßen. Aber ich habe die Macht über das Licht. Ich kann es nach Belieben hell und dunkel werden lassen. Ich fühle mich ein bisschen wie Nevor aus meinem Wintermärchen. Und bin doch eher wie Maria. Ich habe dieses kleine bisschen Macht, aber die Macht kommt bei mir nicht wie bei Nevor aus mir heraus, nicht aus meinem Herzen und nicht, weil mein Vater Satan ist, aber es ist mir egal, wie Stromkreisläufe und so funktionieren. Für diesen Moment mitten in der Nacht gestern bin ich wie Nevor ein Kind der Dunkelheit, das mit Feuer und Licht spielen kann, wie es will. Was danach ist, ist mir egal. Ich fühle mich stark. Auch wenn meine Beine vor Fiebrigkeit zittern, ich bin stark. Mein Herz ist stark. Mein Wille ist stark. Ich bin vielleicht etwas zu stolz, ich kleines Kind da in der selbstbestimmten Dunkelheit. Stolz macht verletzlich. Aber es ist niemand da außer mir. Ich stehe verloren und allein im dunklen Treppenhaus und fühle das Feuer einer Fantasiegestalt in meinem Herzen brennen. Ich bin unbesiegbar.
fantasy: Bérénice
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Für Marina
(...eine kleine Abhandlung...weil ich es abgrundtief hasse...ganz schnell hingekrickelt, bevor ich kurz weg muss...)
Ich stritt mich vor einiger Zeit mit meinem Bruder. (Er ist zwei Jahre älter als ich.) Wir saßen hier unten im Wohnzimmer und sahen einander an. Ursache unseres Streits war seine plumpe Aussage gewesen: "Der ist potthässlich!" (Mal ganz davon abgesehen, dass es hierbei um den Bruder des Typen geht, für den ich eine unheimliche Schwäche habe..*zwinker* )
Ich funkelte ihn wütend an. "Soetwas sagt man nicht."
"Was denn?"
"Man sagt niemals, dass jemand hässlich ist. Soetwas sagt man einfach nicht."
"Aber es stimmt doch!", grunzte er.
"Trotzdem. Soetwas sagt man einfach nicht." Ich betrachtete das Foto, auf dem der junge Mann abgebildet war. "Ich finde ihn nicht hässlich. Man sagt soetwas nicht."
Mein Bruder wusste nicht weiter. Im Grunde war ihm vielleicht klar, dass ich Recht hatte. Er zählte mir einige Leute auf, die wirklich hässlich seien und erklärte mir, dass seine Freundin das auch fände. Ich wiederholte nur, dass es nicht richtig sei, soetwas zu sagen. Er rief seine Freundin runter zu uns und ließ sie wiederholen, was er gesagt hatte. Dass diese Menschen hässlich seien. Aber ich schüttelte den Kopf und schwieg. Ignorierte die beiden. Starrte zornig aus dem Fenster in das trübe Tal hinab.
Als wenig später du zu einer unserer anderen Freundinnen sagtest "ich finde den ja hässlich" (und diesmal ging es um den jungen Mann, in den ich wohl verliebt bin), versetzte mir das einen wirklichen Stich. Ich war verletzt.
Und ich scholt dich dafür.
Und ich erklärte dir, wieso das nicht so ist. Warum er nicht hässlich ist und es niemals sein wird, auch wenn du das so empfindest.
Ich hätte sehr gerne geheult, weil ich nicht wusste, ob es dir wirklich klar geworden ist. Ob du nicht weiterhin sagen wirst: "Der ist hässlich." Oder: "Die ist hässlich." Einfach, weil du das so siehst.
Ich habe etwas ganz Wichtiges begriffen:
Man ist doch für die Menschen, die einen lieben und die man liebt, immer "schön". Es ist egal, inwiefern. Es gibt keine hässlichen Menschen. Liebe macht doch Menschen schön. Ich weiß nicht, wie ich das sonst ausdrücken soll. Ich bin etwas durch-ein-an-der. Hässlich sind allein die Menschen, die das einfach nicht erkennen wollen. Du bist nicht hässlich, ich bin nicht hässlich. Ich suche noch nach Worten. Aber gerade jetzt in diesem Moment rudere ich so stark mit den Armen, um mich fortgerissen zu werden von meinen Gedankenfluten, dass ich keine klaren Sätze mehr zu formulieren vermag.
Ich überlege noch.
Ich will doch nur, dass du das auch begreifst.
Und ich werde es auch meinem Bruder noch mal sagen.
thoughts: Bérénice
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[...]
>Das Feuer im Kamin kam ihm ein klein wenig tröstend vor. Es wärmte. Feuer hatte für ihn sowieso nie etwas Zerstörendes an sich gehabt, immer nur Geborgenheit.
„Das ist wie mit den Menschen; man muss sie nur unter Kontrolle halten, dann zerstören sie nicht, dann töten sie nicht. Aber genau wie bei Feuer ist das nicht immer möglich“, hatte sein Vater einmal gesagt. Er war auch Polizist gewesen. Bei einer Schießerei ums Leben gekommen.<
[...]
Gerade liegt mein Herz blutend hier neben mir auf dem Tisch. Ich habe es für eine Weile herausgenommen.
Als ich im Krankenhaus anrief und fragte, ob eine operative, endgültige Entfernung von Herz und Hirn jetzt sofort möglich sei, sagten sie nein. Nein, nicht beides. Eines von beidem. Für eines müsse ich mich entscheiden und außerdem bräuchte ich einen Termin und eine Beratung.
So, jetzt, hier, verbinden viele kleine und größere rote Fäden und Schnüren das Herz noch mit meinem Körper. Allmählich wird alles sehr rot und nass um mich herum. Es pulsiert und zuckt so komisch, dieses klumpige Etwas.
Außerdem, so die Frau am Telefon weiter, außerdem müsse ich mich entscheiden, durch was ich das entfernte Ding denn ersetzen wolle. Natürlich bestünde die Möglichkeit, den Platz einfach frei zu lassen. Aber es könne sich dort etwas einnisten, etwas Fremdes und Ungewisses, wogegen ich oder auch ein Facharzt dann nichts tun könnte. Deshalb werde den Patienten geraten, etwas anderes dort einzusetzen. Zum Beispiel Stroh gegen das Hirn eintauschen. Das hätten schon so einige getan. Aber das wisse ich ja sicher. (Ja, tatsächlich, so welche sind mir schon begegnet.) Ich ließ mir einen Termin machen. Entschied mich für die Entfernung meines Herzen, Operation in genau drei Wochen. Ein Stein täte es vielleicht. Ein Stahlklumpen.
Eben dann die seltsame Enttäuschung, als ich mir dieses Ding einmal genauer ansehen wollte, sozusagen als Abschied. Das Organ an sich tut zwar seine Aufgabe, es blutet und pumpt, und das Blut ist auch schön rot und warm. Aber das Herz ist sehr klein. Sehr schwarz. Und sehr verschrumpelt. Über kurz oder lang werde ich sicher sterben. Darum rufe ich jetzt schnell doch noch mal an, im Krankenhaus. Vielleicht können sie eine Notoperation vornehmen. Ich will kein Risiko eingehen. Es macht mir etwas Angst, hier so allein mit diesem abstoßenden Ding zu sein.
Tomorrow will take us away
Far from home
No one will ever know our names
komm und hilf mir. bitte.
fantasy: Bérénice
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